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Jeden Moment mit meinem Sohn habe ich in mir aufgesogen

Ich bin Rada, Mama von 2 Kindern. Im Juni 2021 kam mein Sohn Djordje auf die Welt. Wie sehr er meinen Blick auf die Welt veränderte und wie besonders die Zeit mit ihm war, konnte ich damals noch nicht einmal erahnen.

Meine Schwangerschaft und auch die Geburt von Djordje waren völlig unauffällig. Jedoch wurde er kurz nach der Geburt in die Kinderklink verlegt, da der Verdacht bestand er habe sich bei der Geburt am Fruchtwasser verschluckt. Djordje erholte sich nur langsam. Nach vier Wochen Kinderklinik, konnte ich endlich mit ihm nach Hause. Wir als Familie waren unendlich glücklich und seine große Schwester Sara unheimlich stolz auf ihren Bruder.

Unser Familienglück hielt leider nur kurz an. Wenige Tage später verschlechterte sich Djordje´s Gesundheitszustand und wir mussten erneut wegen einer Lungenentzündung in die Klinik.

6 Monate habe ich, für mein Kind und meine Familie, gekämpft wie eine Löwenmama, mein Mann Mladen hat mir den Rücken freigehalten. Er versorgte Sara, hat gearbeitet und sich um den Haushalt gekümmert. So konnte ich Tag und Nacht an Djordjes Seite sein.

Damals dachte ich, wir sind ein paar Wochen in der Klinik und dann wird alles gut, aber es kam alles anders. Allmählich sah ich, wie sich Djordje veränderte: Wie unter einer grauen Wolke nahm ich wahr, dass ich Djordje an manchen Tagen nicht mehr erreichen konnte. Er schaute einfach ins Leere durch mich durch.  Er verlernte das Trinken, konnte sich nicht mehr richtig bewegen, das Atmen und Husten vielen ihm immer schwerer. Das war eine Zeit, in der ich mit vielem haderte: mit meinem Schicksal und auch mit meinem Glauben. Die Ärzte sprachen mit mir, aber eine sichere Diagnose und welche Behandlungsmöglichkeiten es gab konnte mir niemand nennen. Man konnte mir nur sagen, dass ich abwarten musste, um zu sehen, welche Entwicklungsschritte möglich sein werden. Unter der Behandlung mit einer Atemhilfe stabilisierte sich Djordje im Laufe der Wochen und Monate.

Mit dem Ziel als Familie zu viert zu Hause leben zu können und dafür alles notwendige zu erlernen, wurde ich mit Djordje im Haus Atemzeit aufgenommen. Bereit alles für mein Kind zu tun: Djordje so anzunehmen, wie er ist, ganz egal was kommen mag. Ich habe es als meine Aufgabe verstanden, ihn durch sein Leben zu tragen und zu unterstützen. Mit meinem unendlichen Willen das alles zu schaffen, saugte ich alle Informationen auf. Die Schwestern waren immer an meiner Seite und waren vor allem in der Nacht eine sehr große Stütze für mich.

Djordje stabilisierte sich unterdessen weiter. Er wirkte entspannter und zufriedener als in der Klinik. Auch die pulmonale Situation verbesserte sich. Es war eine Zeit, in der es vermeintlich bergauf ging und dennoch wollten meine Tränen nicht aufhören zu fließen. Ich habe viel geweint – um mich, um meinen Sohn, um meine Tochter, für die ich nicht mehr da sein konnte und ich habe mir auch Sorgen um meinen Mann gemacht. Mladen, der mir immer Ruhe und Halt gegeben hat und der es mir möglich machte ganz bei Djordje sein zu können.

Auch die Schwestern hatten zwischen ihrer Arbeit immer ein offenes Ohr für mich und waren für mich da. Jeder hat sich für mich und Djordje Zeit genommen. So hoffte ich weiter irgendwann mit Djordje nach Hause zu können.

Am Tag des Heiligen Abend verschlechterte sich Djordjes Gesundheitszustand ohne einen wirklichen Grund so akut, dass er in die Klinik musste. Meine Gefühle überrannten mich, der Boden unter den Füßen zog sich mir einfach weg. Mit einem Moment war mir meine gewonnene Sicherheit verschwunden. In meiner Ohnmacht versuchte ich einfach nur noch zu funktionieren. Mehr denn je befand ich mich umhüllt in meiner dunkelsten Wolke.

Mladen und Sara waren zur Familie aufgebrochen, nach Serbien in unser Heimatland. Wir wollten jetzt wo es Djordje besser ging alle einmal durchatmen. Ich mit meinem Sohn im Haus Atemzeit, Mladen und Sara bei der Familie in Serbien. Wieder einmal stand ich vor den Trümmern unseres gemeinsamen Planes.

In der Klinik stellte sich im Laufe der Tage heraus, dass Djordje unter Krampfanfällen litt. Er baute immer weiter ab und auch die Medikamente schlugen nicht an. Sara und Mladen machten sich zurück auf den Weg zu uns. Die Schwestern in der Klink, nahmen sich viel Zeit für mich. Wieder hörte ich die Worte, die ich schon im Haus Atemzeit gehört hatte und über die ich bitterlich geweint habe. „Wir begleiten unsere Kinder, laufen müssen sie alleine. Erzwingen kann man nichts.“ Nur hörten sich die Worte der Schwester jetzt so an, als würden wir nur über Tage oder vielleicht Wochen sprechen, die wir gemeinsam verbringen druften. Ich wollte Djordje doch durch sein Leben tragen – sein ganzes Leben lang.

Die Tage und Stunden, an denen ich Kontakt zu Djordje aufbauen konnte, wurden immer weniger. Jeden Moment mit ihm habe ich in mir aufgesogen. Die Therapien der Epilepsie schlugen einfach nicht an und die Behandlungsoptionen wurden immer weniger. Das was noch blieb, war ein künstliches Koma mit vollständiger Beatmung. Das wollten wir für Djordje nicht, keiner konnte uns sagen, ob er jemals wieder alleine zu atmen lernte, wo er doch jetzt schon auf Unterstützung angewiesen war. Wir wollten für Djordje Lebendigkeit und die Fähigkeit mit uns zu kommunizieren. Djordje baute jedoch mehr und mehr ab. Er wurde immer ruhiger in meinen Armen.

Wir hatten uns für eine Taufe in der Klinik entschieden. Sara und Mladen waren endlich aus Serbien zurück und wir konnten das erste Mal gemeinsam in der Klinik zusammenkommen. Djordje lag zur Taufzeremonie in meinem Arm und schlief ganz friedlich. Sara küsste und streichelte ihn währenddessen. Sein Atem wurde mit dem voranschreiten der Taufe immer ruhiger. Meine und Mladens Tränen liefen über unsere Wangen, mit den Beinen fest am Boden, ja wie verankert standen wir da. Mit dem letzten Wort des Pfarrers machte Djordje seinen letzten Atemzug. Einer der friedlichsten, schönsten und zugleich der traurigste Moment in meinem Leben. Djordje es entscheiden zu lassen zu gehen und meinen über alles geliebten Sohn loszulassen.

Woher ich an diesem Tag, diese unheimliche Kraft hatte, das weiß ich nicht. Sie war da, ich hatte ein gutes Gefühl und eine Ruhe, die ich so nicht kannte. Die letzten 6 Monate waren die schönste Zeit in meinem Leben, wir als Familie haben alles gegeben. Ich bin jetzt eine Sternenmama. Mit uns wird Djordje weiterleben. Sara erzählt viel von ihm, jeden Tag bringt sie etwas selbst Gebasteltes für ihn aus dem Kindergarten mit. Mit ihrer fröhlichen Energie ist sie mein größter Halt, sie treibt mich an und sie hilft mir über die Trauer.

Heute, an einem verregneten Januar-Tag, fahren wir wieder nach Wohnbach ins Haus Atemzeit. Wir möchten Erinnerungen an Djordje abholen sowie den Schwestern, die uns auch heute noch verbunden sind, „Hallo“ und zuggleich „Auf Wiedersehen“ sagen. Für mich und Mladen ein schwerer Weg, dennoch fahren wir mit dem Wissen dort hin, dass Djordje hier seine beste Zeit hatte. Auch haben mir die anderen Kinder und Mamas gezeigt, dass es immer eine Perspektive gibt.

Ich schreibe diese Zeilen, weil ich den Eltern Mut machen möchte, jeden Moment zu genießen und nicht mit dem Schicksal zu hadern oder den Glauben und die Hoffnung nicht zu verlieren – egal welche Entscheidung man trifft.

Heute kann ich das und weiß, wie wichtig es ist. Früher hatte ich oft Angst davor.

Wir, mein Mann und ich hoffen, dass unsere Geschichte anderen Eltern in einer ähnlichen Situation helfen kann.

Eure Rada

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